Bericht aus Japan

Die Agrarindustrie ist international genau wie die Agrarchemie. Innerhalb der Konzerne fließen die Informationen und Kommunikationsstrategien um die ganze Welt. Die Imkerschaft hat erst in den letzten Jahren lernen müssen, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit ist.

In den letzten Jahren gab es ei- nen regen Austausch von Informationen zu Neonikotinoiden. In vielen Ländern der Welt haben die Imker das Vertrauen zu den zuständigen Behörden und Wissenschaftlern verloren und versuchen unabhängige Daten zur Bienengefährlichkeit dieser Neonikotinoide zu bekommen. Die Völkerverluste in Deutschland 2008 und das anschließende Ruhen der Zulassungen wurde von unseren Kollegen mit großem Interesse verfolgt. Für uns wiederum ist sehr spannend, welche Märchen die Agrarchemiekonzerne in anderen Ländern über die Situation in Deutschland und Europa verbreiten. Man geht anscheinend davon aus, dass es keinen Austausch zwischen den Imkerverbänden gibt.

Doch weit gefehlt… 

Vor einigen Monaten bekam ich von einem meiner Kontakte in Japan die Einladung als Referent an einer Fachkonferenz zu Neonikotinoiden in Tokyo teilzunehmen. In Japan sind nicht nur die Imker von der Bienengefährlichkeit dieser Wirkstoffe betroffen sondern die Humanmediziner beobachten ebenfalls zahlreiche Gesundheitsprobleme bei ihren Patienten.

Diese Einladung war eine willkommene Gelegenheit, die Situation der japanischen Imker und die dortigen Forschungsergebnisse näher kennenzulernen und eine gemeinsame Strategie für den Umgang mit diesem Problem zu erarbeiten.

Meine Gastgeber gaben sich sehr viel Mühe, ein umfangreiches Besuchsprogramm zusammenzustellen. Dazu gehörte die Besichtigung des bekanntesten Biobetriebes in Japan. Kaneko-San ist einer der Pioniere der biologischen Landwirtschaft in Japan und entwickelt dort seit 40 Jahren neue Anbaumethoden. Allerdings liegt der Anteil der biologischen Landwirtschaft in Japan noch unter einem Prozent obwohl das Angebot in den Supermärkten vorhanden ist. Wegen der fehlenden Unterstützung der Regierung beim heimischen Anbau werden viele Bioprodukte importiert.

In der gleichen Region durfte ich auch die Imkerei Hanazono besuchen. Diese sehr gut geführte Berufsimkerei hat aus der Not eine Tugend gemacht. Hornissen sind eine wirkliche Bedrohung für die Bienenvölker. Mit Hilfe einer selbst entwickelten Falle werden die Hornissen gefangen und dann in Honig eingelegt für die Apitherapie angeboten.
Überhaupt scheinen die japanischen Imker mindestens so gerne zu basteln wie die Deutschen. Mir wurden zahlreiche Erfindungen zur Produktion von Scheibenhonig oder zum Drahten von Rähmchen vorgeführt.

Die Beutensysteme waren sehr unterschiedlich, weil ein Teil der Imker mit der „westlichen“ Honigbiene arbeitet und über 2000 Imker mit der einheimischen Japanischen Honigbiene, die eine Unterart der asiatischen Honigbiene ist. Sie ist wirklich sehr sanftmütig, kann sich aber selbst durch Ausräumen von befallenen Zellen gut gegen die Varroa verteidigen. Sie ist etwas kleiner, produziert nur etwa 20 Kg Honig pro Saison. Dafür ist aber keinerlei Varroabehandlung notwendig.

Japonica

Die japonica lässt sich mit der westlichen Honigbiene nicht kreuzen, ich habe aber durchaus gemischte Völker gesehen. Einige Imker versuchen die Haltung der westlichen Honigbiene mit der japanischen zu kombinieren. Dabei werden Waben mit verdeckelter Brut aus den japonica Völkern in die westlichen Völker gehängt. Die schlüpfenden Jungbienen werden akzeptiert und übernehmen dann den Innendienst. Dabei wird befallen Brut im Volk erkannt und ausgeräumt. Die japonica fungiert dann als Putztruppe im mellifera Volk. Diese Methode der japanischen Imker scheint aber noch nicht wissenschaftlich überprüft worden zu sein.

Die Varroatoleranz der japanischen Honigbiene ist auch in sofern interessant, dass hier die gleichen Verluste durch Pflanzenschutzmittel auftreten wie bei der westlichen. Bei der japonica kann die Ursache also weder an Varroa+X noch an Wechselwirkungen mit etwa von den Imkern eingesetzten Behandlungsmitteln liegen.

Neonikotinoide

Der Einsatz von Neonikotinoiden ist allerdings zum Teil auch besonders rücksichtslos. Es gibt nach meinen Informationen keine Bienenschutzverordnung. Es ist durchaus üblich, Reisfelder per Hubschrauber zu behandeln. Hier sind Schäden durch Abdrift vorprogrammiert und die Wasserlöslichkeit der Wirkstoffe ist in Reisfeldern verheerend. Die enge Verflechtung zwischen Regierung, Chemieindustrie und den Massenmedien führt zu einer extrem einseitigen Agrarpolitik, die den Einsatz von Pestiziden als alternativlos präsentiert. Parallelen zur Atomindustrie drängen sich auf.

An einem Detail war die Wirkung dieses Geflechts auf die öffentliche Meinungsbildung besonders greifbar. In meinen Gesprächen über die Veränderungen in der Landwirtschaft, die aus Sicht der Imker notwendig sind, versuchte ich darauf zu verweisen, dass wir mit diesen Forderungen nicht allein stehen. Besonders wichtig ist für uns der Weltagrarbericht, der von hunderten von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt im Rahmen der UN erarbeitet wurde. Nur mit einer ökologisierten Landwirtschaft werden wir die Weltbevölkerung ernähren können, sagen die Wissenschaftler.

Zu meinem großen Erstaunen hatten die meisten meiner japanischen Gesprächspartner noch nie von diesem UN-Dokument gehört. In der Diskussion nach meiner Präsentation ergab sich für mich die Gelegenheit, den Bericht und dessen geringen Bekanntheitsgrad anzusprechen. Da meldete sich ein Herr aus dem Publikum zu Wort und erklärte, dass er den Weltagrarbericht gut kenne, da er selbst als letzter verbliebener Delegierter aus Japan daran mitgearbeitet habe. Die Vertreter der japanischen Regierung seien schon nach kurzer Zeit zusammen mit der Industrie aus dem Prozess ausgestiegen. Es gäbe nicht einmal eine offizielle japanische Übersetzung dieses wichtigen UN-Dokuments und die Medien würden das Thema totschweigen. Er selbst hätte wichtige Teile selbst übersetzt und er versprach für ein späteres Strategietreffen der Verbände Kopien mitzubringen, was er auch einige Tage später tat.

Neonikotinoide und Gesundheit

Die Erkenntnisse aus der Humanmedizin waren Gegenstand einer zweiten Fachkonferenz, die von der japanischen Gesellschaft für Umweltmedizin veranstaltet wurde und an der ich als Zuhörer teilnehmen durfte. Aus den einzelnen Vorträgen ging hervor, dass die Behauptung der Industrie, die menschlichen Nervenzellen hätten keine Rezeptoren für Neonikotinoide, offensichtlich falsch ist. Vor allem Kinder, deren Nervensystem während kritischer Entwicklungsphasen gestört wird, zeigen später Auffälligkeiten wie ADHS.

Japan liegt auch bei den Stadtbienen im Trend. Ich durfte das Ginza Honeybee Project in Tokyo besuchen. Die Bienen stehen mitten im Geschäftsviertel auf dem Dach eines Hochhauses das einem Zellulosekonzern gehört. Die Bienen sind Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens und haben für viele Besucher und sehr viel positive Presse gesorgt. Der Honig von den Bienen wird in der Feinkostabteilung eines benachbarten Warenhauses vermarktet und erfreut sich großer Beliebtheit.

Am letzten Abend stand noch ein Besuch beim „Rooster Festival“ in Tokyo an. Es handelt sich um einen religiöses Fest das mit einem recht wilden Markt verbunden ist, der entfernt an einen Weihnachtsmarkt erinnert. Sehr viele der Marktstände boten ihre frisch zubereiteten Spezialitäten an. Andere verkauften sehr geräuschvoll religiöse Feiertagsartikel. Überall gab es improvisierte kleine Restaurants in Zelten, mit einer Atmosphäre, in der sich auch ein bierzelterfahrener Oberbayer wohlfühlen kann. Mit unseren Japanischen Freunden verbinden uns also nicht nur gemeinsame Probleme, sondern trotz allem auch eine besondere Lebensfreude.

Walter Haefeker ist Präsident des Europäischen Berufsimkerverbandes EPBA und Vorstandsmitglied im DBIB

Erschienen im iT-magazin 4/2011

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